Home
Adressen
Chronik
Europe
Mariechenmarkt
Visit Gütersloh
Service

Security Theater: Gütersloh schützt sich vor dem Anschlag von gestern

Von KWS, Kunst und Kultur, Kommentare, 3.768 Views

Security Theater: #Gütersloh schützt sich vor dem Anschlag von gestern

#Gütersloh, 10. September 2026

40.000 Euro. 100.000 Euro. 183.000 Euro. Oder gleich 246.000 Euro. In Gütersloh wird gerade darüber diskutiert, mit welchen Sperren der #Weihnachtsmarkt vor #Fahrzeugen geschützt werden soll. #Schwarze, mit #Wasser gefüllte #Container? #Oktablocks? Road Blocker? Oder eine Mischung daraus?

Das #Sicherheitskonzept, sagt die #Verwaltung, stehe bereits. Offen sei im Wesentlichen noch, mit welchem Material gesperrt werde.

Vielleicht wäre es sinnvoll, noch einen Schritt zurückzugehen und eine andere Frage zu stellen: Was machen wir hier eigentlich?

Der amerikanische #Sicherheitsforscher Bruce Schneier hat für eine bestimmte Form der Gefahrenabwehr einen wunderbaren Begriff geprägt: »#Security #Theater«.

Gemeint sind Sicherheitsmaßnahmen, deren Wirkung wesentlich darin besteht, #Sicherheit sichtbar zu machen und Menschen das Gefühl zu vermitteln, es werde etwas getan. Schneier beschäftigte sich damit insbesondere nach den #Terroranschlägen vom 11. September 2001. Plötzlich standen Angehörige der #Nationalgarde auf amerikanischen #Flughäfen. #Uniformen, #Gewehre, sichtbare #Staatsmacht. Schneier nennt ausgerechnet dieses Beispiel immer wieder: Die Waffen der dort eingesetzten Nationalgardisten waren teilweise nicht einmal geladen.

Die Inszenierung hatte trotzdem eine Funktion. Die Menschen hatten Angst. Nun konnten sie sehen: Jemand passt auf.

Schneier hat seine ursprünglich sehr ablehnende Haltung gegenüber solchem »Security Theater« später sogar differenziert. Sicherheit, argumentierte er, bestehe aus #Realität und #Wahrnehmung. Nach 9/11 konnte eine sichtbare staatliche Reaktion durchaus dazu beitragen, eine verängstigte Bevölkerung wieder zum Fliegen zu bewegen.

Nur sollte man das eine nicht mit dem anderen verwechseln.

Der Anschlag von gestern

Noch interessanter ist ein zweiter Begriff Schneiers: »Movie Plot Threats«.

Wir Menschen denken Gefahren gerne als Geschichten. Ein Täter versteckt eine #Bombe im #Schuh – also kontrollieren wir #Schuhe. #Sprengstoff könnte in #Flüssigkeiten verborgen werden – also regulieren wir Flüssigkeiten. #Flugzeuge wurden entführt – also konzentriert sich enorme Aufmerksamkeit auf Flugzeuge.

Das ist psychologisch nachvollziehbar. Ein abstraktes Risiko können wir uns schlecht vorstellen. Eine #Geschichte dagegen schon.

Und wenn die Geschichte tatsächlich passiert ist, können wir sie uns besonders gut vorstellen.

Genau hier liegt das Problem.

Der erste Täter, der ein Fahrzeug gezielt in einen Weihnachtsmarkt oder eine andere Menschenmenge steuerte, konfrontierte die Öffentlichkeit mit einem bis dahin kaum präsenten Szenario – einem »Black Swan«. Danach war dieses Szenario bekannt.

Und nun können wir uns dagegen schützen.

Wir kaufen #Container.

Wir kaufen #Poller.

Wir kaufen Road Blocker.

Wir rechnen Anfahrtswinkel, Fahrzeuggewichte und Aufprallgeschwindigkeiten aus.

Das kann sogar funktionieren. Ein geeigneter Road Blocker kann tatsächlich verhindern, dass ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit in einen Weihnachtsmarkt fährt.

Nur hat Sicherheit eine unangenehme Eigenschaft:

Der nächste Täter ist nicht verpflichtet, das Drehbuch des letzten Täters zu benutzen.

Genau davor warnt Schneier seit Jahrzehnten. Wer seine Ressourcen auf sehr konkrete Anschlagsszenarien konzentriert, muss letztlich darauf hoffen, dass er das nächste Szenario richtig erraten hat.

Und der Wochenmarkt?

Das führt zu einer ausgesprochen einfachen Gütersloher Frage: Warum eigentlich der Weihnachtsmarkt?

Auf dem Berliner Platz (#HVP) findet regelmäßig der #Wochenmarkt statt. Menschen gehen zwischen Ständen umher. Händler stehen dort. Besucher bleiben stehen und unterhalten sich. Zufahrten existieren.

Warum benötigt der Weihnachtsmarkt einen Zufahrtsschutz für möglicherweise 246.000 Euro, der Wochenmarkt aber offenbar keinen vergleichbaren?

Vielleicht gibt es dafür eine ausgezeichnete Gefährdungsanalyse. Dann sollte man sie erklären.

Aber »Weihnachtsmarkt« ist keine physikalische Eigenschaft eines Platzes.

Ein Fahrzeug weiß nicht, ob zwischen den Buden gerade #Glühwein oder #Kartoffeln verkauft werden.

Wenn eine bestimmte Zahl von Menschen auf einem bestimmten Platz vor einer Überfahrtat geschützt werden muss, müsste sich erklären lassen, weshalb dieselben Menschen auf demselben Platz an einem anderen Wochentag anders bewertet werden.

Und wenn der entscheidende Unterschied darin besteht, dass es in der Vergangenheit Anschläge auf Weihnachtsmärkte gegeben hat, landen wir wieder bei Schneiers »Movie Plot Threat«.

Wir schützen uns gegen eine Geschichte, weil wir diese Geschichte bereits kennen.

246.000 Euro für die Sicherheit – aber für welchen Weihnachtsmarkt?

Noch merkwürdiger wird die Angelegenheit beim Geld.

Für den eigentlichen Gütersloher Weihnachtsmarkt standen in der Vergangenheit keineswegs beliebig sechsstellige zusätzliche Beträge zur Verfügung. Über #Attraktivität, #Programm, #Gestaltung und #Aufenthaltsqualität lässt sich seit Jahren diskutieren.

Nun stehen für die Abwehr eines einzigen denkbaren Angriffsszenarios plötzlich bis zu 246.000 Euro im Raum.

Das ist bemerkenswert.

Denn Geld, das für Sicherheit ausgegeben wird, besitzt eine eigentümliche politische Immunität. Wer fragt, ob 246.000 Euro verhältnismäßig sind, gerät schnell in den Verdacht, an der Sicherheit sparen zu wollen.

Das ist Unsinn.

Jede Gesellschaft spart ständig an Sicherheit.

Sonst dürfte kein #Auto mehr fahren. Kein #Schwimmbad öffnen. Kein #Stadtfest stattfinden. Kein Flugzeug starten. Kein Mensch eine #Treppe hinaufsteigen.

Absolute Sicherheit ist nicht finanzierbar, nicht technisch herstellbar und in einer freien Gesellschaft auch gar nicht wünschenswert.

Die vernünftige Frage lautet deshalb nicht: »Ist diese Maßnahme sicher?«

Sie lautet, wie Schneier es schon vor mehr als 20 Jahren formulierte, sinngemäß: Ist sie ihren Preis wert?

Und dieser Preis besteht nicht nur aus Geld. Er besteht aus Aufwand, Einschränkungen, Gestaltung des öffentlichen Raums und schließlich auch aus der Frage, welche anderen Risiken wir mit denselben Ressourcen reduzieren könnten.

Wo bleibt die #Drohnensperre?

Und dann wäre da noch die etwas unangenehme Frage nach all dem, wogegen Oktablocks und Wassercontainer überhaupt nichts ausrichten.

Eine #Drohne fliegt darüber.

Ein Täter zu Fuß geht daran vorbei.

Und der nächste tatsächliche »Black Swan« ist definitionsgemäß gerade jenes Ereignis, an das heute niemand denkt.

Natürlich folgt daraus nicht, dass man bekannte Risiken ignorieren sollte. Das wäre genauso töricht.

Es folgt daraus aber sehr wohl, dass eine Fahrzeugsperre nicht mit »Sicherheit« verwechselt werden darf.

Sie ist eine Maßnahme gegen eine Überfahrtat mit einem Fahrzeug.

Nicht mehr und nicht weniger.

Das klingt wesentlich weniger beruhigend als: »Der Weihnachtsmarkt ist geschützt.«

Ist aber ehrlicher.

Bitte kein #Sicherheitsgefühl

Besonders merkwürdig finde ich in diesem Zusammenhang den häufig gebrauchten Begriff des »Sicherheitsgefühls«.

Ich möchte auf einem Weihnachtsmarkt überhaupt kein »Sicherheitsgefühl« haben.

Klingt paradox?

Ist es nicht.

Ich möchte mich dort auch nicht bewusst »unsicher« fühlen. Ich möchte über Sicherheit überhaupt nicht nachdenken.

Ich möchte einen #Glühwein trinken. Gebrannte Mandeln kaufen. Leute treffen. Mich über #Weihnachtsmusik freuen oder auch nicht freuen. Oder über die Preise. Alles wunderbar.

Sicherheit sollte in meinem Kopf überhaupt nicht vorkommen.

Denn sobald ich ein »Sicherheitsgefühl« benötige, ist #Gefahr bereits Teil meiner Wahrnehmung geworden.

Die schwarzen Wassercontainer am Eingang sagen eben nicht nur: »Du bist geschützt.«

Sie sagen gleichzeitig: »Es gibt einen Grund, weshalb dieses Ding hier steht.«

Vielleicht ist das tatsächlich notwendig. Dann muss es dort stehen.

Aber man sollte nicht behaupten, der Anblick steigere zwangsläufig mein Wohlbefinden.

Keine Taucherbrillen!

Stellen wir uns zum Vergleich ein großes Schild am Eingang des Weihnachtsmarktes vor: »Zu Ihrer Sicherheit weisen wir darauf hin: Auf diesem Weihnachtsmarkt werden keine #Taucherbrillen verliehen.«

Niemand würde davorstehen und denken: »Gott sei Dank. Jetzt fühle ich mich gleich viel sicherer.«

Man würde denken: »Taucherbrillen? Warum zum Teufel sollte ich hier eine Taucherbrille brauchen?«

Das Beispiel ist albern. Natürlich.

Aber genau deshalb zeigt es den Mechanismus so schön.

Eine #Sicherheitsbotschaft kann beruhigen. Sie kann aber auch eine Gefahr überhaupt erst in unseren Kopf setzen.

Bruce Schneier beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Unterschied zwischen tatsächlicher Sicherheit und ihrer Wahrnehmung. Sein entscheidender Gedanke ist dabei keineswegs, Sicherheit abzuschaffen. Im Gegenteil.

Er fordert, über Sicherheit rationaler nachzudenken.

Nicht den letzten Anschlag immer wieder nachspielen.

Nicht jedes vorstellbare »Movie Plot« mit einer neuen technischen Maßnahme beantworten.

Nicht sichtbare #Aktivität automatisch mit wirksamer Sicherheit verwechseln.

Und vor allem: #Ressourcen dort einsetzen, wo sie möglichst unabhängig davon wirken, welches Drehbuch ein möglicher Täter gewählt hat. Schneier nennt deshalb seit Langem beispielsweise Ermittlungsarbeit, Nachrichtengewinnung und funktionierende Gefahrenabwehr als wesentlich robustere Instrumente.

Denn der entscheidende Unterschied ist simpel: Ein Road Blocker kann einen #Lkw stoppen.

Gute Gefahrenabwehr kann im besten Fall den Täter stoppen, bevor wir überhaupt wissen müssen, ob er einen Lkw, eine Drohne oder etwas verwendet, worüber heute noch niemand im Gütersloher Hauptausschuss gesprochen hat.

Vielleicht sollte die Politik deshalb vor der Frage »Welche Sperren wollen wir?« noch einmal eine andere stellen: Welches Risiko wollen wir eigentlich um welchen Preis reduzieren – und weshalb genau dieses? Das wäre keine #Politik gegen Sicherheit. Es wäre der Anfang einer ernsthaften #Sicherheitspolitik.

Die #Sicherheitskulisse wechselt

Wie schnell sich dabei das jeweils dominante Bedrohungsbild ändert, lässt sich sogar am Gütersloher Weihnachtsmarkt selbst beobachten. Noch 2024 wurde öffentlich vor allem über Messer gesprochen. Nach den Anschlägen von #Mannheim, #Solingen und #Siegen kündigten die Sicherheitsbehörden #Personenkontrollen und #Taschenkontrollen auf Waffen und andere gefährliche Gegenstände an. Wer kontrolliert wurde, sollte seine Tasche öffnen – begleitet von jener ebenso beliebten wie fragwürdigen Logik, dass schließlich nichts gegen eine Kontrolle sprechen könne, wenn man »nichts zu verbergen« habe. Betonklötze gegen Fahrzeuge standen damals übrigens ebenfalls schon bereit.

Zwei Jahre später kreist die große politische Debatte nun um #Indutainer, #Oktablocks und Road Blocker für bis zu 246.000 Euro. Das alte Bedrohungsszenario ist dadurch nicht verschwunden. Es steht nur nicht mehr im Mittelpunkt. Genau darin zeigt sich Schneiers Kritik an den »Movie Plot Threats«: Wir reagieren bevorzugt auf jene Gefahren, für die uns die jüngste Vergangenheit bereits ein anschauliches Drehbuch geliefert hat. Die Sicherheitskulisse wechselt mit dem Bedrohungsbild. Gestern kontrollierten wir Taschen, heute kaufen wir Road Blocker – und nach dem nächsten bislang unbekannten Anschlag werden wir vermutlich sehr ernsthaft darüber diskutieren, welche technische Antwort auf dessen Drehbuch die richtige ist. Die entscheidende Frage bleibt dabei erstaunlich oft außen vor: Wie viel Sicherheit gewinnen wir tatsächlich – und gegen welches Risiko?

#NOW #N #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT #MARIECHENMARKT