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@schoeler_pfeiffer

Von KWS, Kunst und Kultur, Glosse, 2.012 Views

@schoeler_pfeiffer

#Gütersloh, 3. September 2026

Früher hatten wir keine Social Media Handles. Wir hatten Spitznamen. Und das war etwas völlig anderes. Einen Social Media Handle denkt man sich selbst aus. Man sitzt eine halbe Stunde da und überlegt, ob man lieber @hendrik1982, @hendrik_official oder @the_real_hendrik heißen möchte. Einen Spitznamen dachte man sich nicht aus. Den bekam man. Und im ungünstigsten Fall behielt man ihn.

Bei uns gab es »Henner«, »Stengel«, »Zehenspitzen Joe«, »Plümi«, »Pommes«, »Rhombus«, »Stüv«, »Sebi« und den legendären »Frottier Popper«.

Manche Fälle waren einfach.

Henner hieß Hendrik. Sebi hieß Sebastian. Das Prinzip ist unmittelbar einsichtig und erforderte keine weiteren Ermittlungen.

Stengel war groß und schlank. Auch erledigt.

»Pommes« hieß nicht »Pommes«, weil er ständig Pommes aß. Das wäre viel zu einfach gewesen. »Pommes« war irgendwie aus »#Pomade« entstanden. Wie genau aus Pomade irgendwann »#Pommes« wurde, spielte keine Rolle. Sprachwissenschaftlich dürfte der Vorgang heute kaum noch zu rekonstruieren sein. Auf dem #Schulhof war die #Etymologie ohnehin zweitrangig. Entscheidend war: Er hieß jetzt »Pommes«.

»Zehenspitzen Joe« ging komisch. Mehr muss man dazu eigentlich nicht wissen. Das ist überhaupt das Schöne am klassischen Spitznamen: Eine einzige körperliche Eigenheit konnte genügen, und schon hatte man eine komplette Westernfigur geschaffen.

Besonders schön war »Rhombus«.

»Rhombus« verdankte seine Identität dem Mathematikunterricht. Thema #Geometrie. Aufgabe: Rhomben zeichnen. Dabei gab es irgendein Vorkommnis, bei dem der spätere »Rhombus« in Erscheinung trat. Das genügte.

Andere Menschen brauchen für eine Namensänderung Formulare, Behörden und Gebühren. Bei »Rhombus« reichten Geodreieck und Mathematikunterricht. Was genau damals geschah, ist heute gar nicht mehr wichtig. Wahrscheinlich wusste es schon zwei Jahre später kaum noch jemand. Aber »Rhombus« blieb »Rhombus«.

So funktionierte das.

Ein #Algorithmus hätte keinen besseren Namen erzeugen können. Und vor allem hätte ein Algorithmus niemals verstanden, warum er lustig war.

Spitznamen waren kleine Gemeinschaftswerke. Sie entstanden aus Namen, Aussehen, Angewohnheiten, Familiengeschichten, Versprechern, Missgeschicken oder vollkommen belanglosen Ereignissen. Manchmal brauchte es dafür Jahre. Manchmal zehn Sekunden.

Einer sagte etwas. 2 lachten. Ein Dritter wiederholte es am nächsten Tag. Damit war die Markenbildung abgeschlossen. Das Interessante daran ist der Unterschied zu heute. Heute geben wir uns Namen. Damals wurden wir benannt.

Der heutige Handle ist Selbstdarstellung. Er soll cool, individuell, professionell, lustig oder wenigstens noch verfügbar sein. Der alte Spitzname nahm auf solche Wünsche keinerlei Rücksicht. Niemand fragte Zehenspitzen Joe, ob »Zehenspitzen Joe« zu seiner Personal Brand passte. Rhombus konnte vermutlich auch nicht auf »Nickname ändern« klicken und anschließend auswählen: Wer darf deinen früheren Namen sehen?

Alle.

Für immer.

Vielleicht waren Spitznamen deshalb auch viel stärker mit einer Gruppe verbunden. Wer Jahrzehnte später »Stengel« sagt, meint nicht bloß einen Menschen. Er ruft einen ganzen Schulhof wieder auf. #Gesichter, #Lehrer, #Klassenzimmer, #Turnhalle, #Pausenbrot, #Geodreieck und irgendeinen längst vergessenen #Unsinn.

Ein Handle identifiziert einen Account. Ein Spitzname erzählt eine Geschichte. Und manchmal kennt niemand mehr die Geschichte. Aber alle wissen noch: Das war »Rhombus«.

#NOW #N #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT #MARIECHENMARKT