Von KWS, Sokrates Jetzt, Journal, 1.604 Views
#Gütersloh, 31. August 2026
Es gibt keine Hexenjagden mehr. Jedenfalls nicht in Gütersloh.
Niemand wird auf den #Marktplatz gezerrt, niemand errichtet einen #Scheiterhaufen. Es gibt keinen #Richter, der ein #Urteil verliest, keinen #Bürgermeister, der einen #Erlass unterzeichnet, und keinen Stadtrat, der irgendwann beschlossen hätte: Dieser Mensch gehört nicht mehr dazu.
So etwas würde man in Gütersloh auch nicht machen. Dafür ist man viel zu vernünftig, viel zu zivilisiert und vermutlich auch viel zu freundlich. Man grüßt sich schließlich auf der Straße.
Eine moderne Hexenjagd beginnt ohnehin nicht mit einer #Anklage. Sie beginnt mit nichts.
Eine Einladung kommt nicht mehr. Eine Pressemitteilung fehlt. Eine Anfrage bleibt unbeantwortet. Jemand, der jahrelang regelmäßig angerufen hat, ruft plötzlich nicht mehr an. Bei einer Veranstaltung stehen dieselben Leute zusammen wie immer, nur einer fehlt.
Zunächst fällt das kaum auf. Beim nächsten Mal fehlt wieder eine Einladung, dann noch eine. Ein Verteiler scheint sich verändert zu haben. Eine #Zusammenarbeit, die jahrelang selbstverständlich war, schläft ein. Fragt der Betroffene nach, gibt es dafür meist eine vollkommen vernünftige Erklärung. Ein Versehen vielleicht. Neue Zuständigkeiten. Eine Umstrukturierung. Die Kollegin ist im #Urlaub. Man hat gerade wahnsinnig viel zu tun. Der Verteiler wird ohnehin überarbeitet.
Das Schöne an diesen Erklärungen ist, dass keine von ihnen gelogen sein muss.
Eine moderne Hexenjagd benötigt deshalb auch keinen Ankläger. Niemand muss irgendwann sagen: Mit dem arbeiten wir nicht mehr. Ein solcher Satz wäre viel zu eindeutig. Er hätte einen Absender, einen Inhalt und womöglich sogar jemanden, der später dafür verantwortlich gemacht werden könnte.
Es genügt etwas viel Kleineres.
»Mit dem ist es schwierig.«
Was schwierig ist, bleibt offen.
Vielleicht fragt jemand nach. Dann folgt keine Anklage, sondern eine Andeutung.
»Ach, da gab es mal etwas.«
Oder »Ich wäre da ein bisschen vorsichtig«.
Am wirkungsvollsten ist vermutlich »Das musst du natürlich selbst wissen«.
Oder »Es gab verschiedene, vergangene Vorkommnisse«.
Damit ist #alles gesagt und gleichzeitig #nichts. Der Empfänger wurde zu nichts aufgefordert. Niemand hat ihm verboten, mit irgendjemandem zu sprechen oder zusammenzuarbeiten. Er zieht seine Schlüsse ganz allein. Und wenn er später gefragt wird, kann er vollkommen aufrichtig erklären, niemand habe ihn beeinflusst.
Nach einer Weile weiß in der Stadt jeder, dass irgendetwas ist.
Was dieses Irgendetwas sein soll, weiß niemand mehr genau. Der eine hat gehört, der Betroffene sei schwierig. Der nächste glaubt, es gehe um Geld. Ein Dritter meint, da habe es einmal einen Streit gegeben. Ein Vierter erinnert sich dunkel an eine #Geschichte, die ihm jemand vor Jahren erzählt hat, kann aber nicht mehr sagen, von wem. Ein Fünfter weiß überhaupt nichts. Er stellt lediglich fest, dass die anderen offenbar Abstand halten.
Und genau das genügt ihm.
Denn wenn 10 Menschen einen 11. meiden, fragt der 12. nicht unbedingt: Was haben diese 10 eigentlich gegen ihn?
Viel näher liegt eine andere Frage: Was wissen die 10, was ich offenbar noch nicht weiß?
Von diesem Augenblick an braucht das #Gerücht keinen Urheber mehr. Eigentlich braucht es nicht einmal mehr einen Inhalt. Dass die anderen sich entsprechend verhalten, wird selbst zur Information. Der Abstand erzeugt den Verdacht, und der Verdacht rechtfertigt wiederum den Abstand.
In einer Millionenstadt könnte sich so etwas irgendwann verlieren. Menschen wechseln ihre Kreise, verschwinden in anderen Milieus, begegnen einander nie wieder. Eine mittelgroße Stadt ist dafür besser geeignet. Dort kennt man sich. Nicht unbedingt gut, aber gerade gut genug.
Der Geschäftsführer sitzt im Vorstand eines Vereins. Die Kulturveranstalterin kennt den Pressesprecher. Der Pressesprecher kennt den #Unternehmer. Der Unternehmer unterstützt das Stadtfest, beim Stadtfest trifft man jemanden aus der Verwaltung, und in der Verwaltung kennt jemand jemanden aus dem Verein.
Niemand steuert dieses #Netzwerk. Gerade deshalb funktioniert es so hervorragend.
Informationen reisen nicht auf Briefpapier. Es gibt keine Aktenzeichen und keine Rundschreiben. Sie wandern beim Kaffee, nach einer Sitzung, vor einem Konzert, am Rande eines Empfangs oder in einem zweiminütigen Telefongespräch.
»Kennst du den eigentlich?«
»Ja.«
Eine kurze Pause.
»Schwierig.«
Mehr braucht es nicht.
Irgendwann bemerkt der Betroffene, dass etwas nicht stimmt. Er kann zunächst nicht sagen, was es ist. Es gibt schließlich kein Ereignis. Nur eine merkwürdige Häufung von Nichtereignissen.
Also beginnt er zu fragen.
Warum bekomme ich diese Informationen nicht mehr? Warum werde ich nicht mehr eingeladen? Warum funktioniert etwas, das zwanzig Jahre funktioniert hat, plötzlich nicht mehr? Warum arbeitet ihr mit allen möglichen anderen Leuten zusammen, aber nicht mehr mit mir?
Nun entsteht ein neues Problem. Denn diese Fragen stören die angenehme Ordnung des Schweigens.
Natürlich bekommt er Antworten.
Es gebe schließlich keinen Anspruch auf Zusammenarbeit.
Das stimmt.
Man entscheide von Fall zu Fall.
Auch das stimmt.
Man behandle grundsätzlich alle gleich.
Selbstverständlich.
Vielleicht habe es Kommunikationsprobleme gegeben. Vielleicht sei da auch manches missverstanden worden. Man bedauere jedenfalls, wenn ein falscher Eindruck entstanden sei.
Der Betroffene fragt weiter.
Und nun geschieht etwas Erstaunliches: Seine Versuche, den Ausschluss zu verstehen, werden allmählich selbst zur Begründung des Ausschlusses.
»Siehst du? Genau deshalb.«
»Der macht immer so einen Ärger.«
»Jetzt schreibt der schon wieder.«
»Der kann Dinge einfach nicht ruhen lassen.«
Aus der Reaktion auf einen Zustand wird nachträglich dessen Ursache.
Das Verfahren ist nahezu perfekt.
Wer schweigt, verschwindet. Wer widerspricht, beweist, warum es vernünftig war, ihn verschwinden zu lassen.
Besonders elegant ist daran, dass der Betroffene nicht einmal weiß, wogegen er sich eigentlich verteidigen soll. Es gibt keine Anklageschrift, keine konkrete Behauptung, die man widerlegen könnte, keine zuständige Instanz und kein Verfahren, an dessen Ende jemand sagen müsste, was nun eigentlich festgestellt worden ist.
Es gibt nur Ergebnisse.
Keine Einladung. Keine Antwort. Kein Auftrag. Kein Gespräch. Keine Information. Keine Zusammenarbeit.
Will der Betroffene dagegen vorgehen, muss er deshalb zunächst etwas beinahe Unmögliches leisten: Er muss beweisen, dass überhaupt etwas geschieht.
Denn jeder einzelne Beteiligte kann vollkommen zutreffend erklären, er habe niemanden ausgeschlossen.
Der eine hat lediglich eine E Mail nicht beantwortet. Der zweite hat diesmal jemand anderen eingeladen. Der dritte hat einen Verteiler geändert. Der vierte hat sich gegen eine Zusammenarbeit entschieden. Der fünfte hat lediglich erzählt, was er gehört hatte. Der sechste hat überhaupt nichts getan.
Und aus diesem hundertfachen Nichtstun entsteht etwas außerordentlich Reales.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zur alten Hexenjagd. Damals brauchte man Menschen, die die Hexe vernichten wollten. Heute muss niemand etwas dergleichen wollen.
Es braucht keinen Plan, keinen geheimen Zirkel, keine Verschwörung und wahrscheinlich nicht einmal besonders viel Bosheit. #Konformismus reicht vollkommen aus. Dazu ein wenig #Bequemlichkeit, ein wenig Vorsicht und jene uralte menschliche Neigung, sich daran zu orientieren, was die anderen offenbar für richtig halten.
Warum sollten wir ausgerechnet mit dem zusammenarbeiten?
Die interessantere Frage wird irgendwann nicht mehr gestellt:
Warum eigentlich nicht?
So entsteht nach und nach ein Zustand, den niemand beschlossen hat und für den sich folglich auch niemand verantwortlich fühlt. Alle haben lediglich ihre ganz persönlichen, vollkommen unabhängigen Entscheidungen getroffen.
Merkwürdigerweise immer dieselbe.
Normalerweise enthält sozialer Ausschluss allerdings eine unausgesprochene Erwartung: Der Ausgeschlossene soll die Botschaft irgendwann verstehen.
Er soll leiser werden. Kleiner. Vorsichtiger. Er soll aufhören zu fragen und lernen, dass bestimmte Türen für ihn nicht mehr aufgehen. Am besten zieht er irgendwann die Konsequenz, die ihm niemand ausdrücklich nahegelegt hat, und verschwindet von selbst.
Was aber, wenn er das nicht tut?
Dann wird es lästig.
Er veröffentlicht weiter. Er fragt weiter. Er taucht weiterhin auf. Vielleicht baut er sogar neue Dinge auf, nachdem man ihn aus den alten herausgedrängt hat. Vielleicht stellt sich heraus, dass er für seine Existenz gar nicht die Erlaubnis jener Menschen benötigt, die beschlossen haben, niemals beschlossen zu haben, ihn auszuschließen.
Das ist im Drehbuch nicht vorgesehen.
Und nun entsteht eine eigentümliche Situation. Der angeblich vollkommen unbedeutende Mensch beschäftigt plötzlich erstaunlich viele Menschen. Man beobachtet, was er macht. Man spricht darüber, dass man nicht über ihn spricht. Man erklärt anderen, warum man nichts mit ihm zu tun haben möchte. Man versichert sich gegenseitig, dass er keinerlei Rolle spielt.
Je häufiger man das tut, desto schwieriger wird allerdings eine ziemlich einfache Frage:
Warum betreiben wir dann diesen ganzen Aufwand?
Aber natürlich gibt es in Gütersloh keine Hexenjagden.
Wir leben schließlich nicht im #Mittelalter. Wir sind moderne Menschen. Wir glauben nicht an Hexen. Wir errichten keine Scheiterhaufen. Wir haben #Leitbilder und #Compliance Regeln, #Kommunikationsabteilungen, #Gleichstellungsbeauftragte, #Antidiskriminierungskonzepte und auf unseren Internetseiten lange Texte darüber, wie wichtig uns #Offenheit, #Vielfalt und respektvolles #Miteinander sind. Wir haben #Kant und #Grundgesetz.
Wir grenzen niemanden aus.
Wir haben lediglich vergessen, ihn einzuladen.
Seine E Mail übersehen.
Uns diesmal für jemand anderen entschieden.
Von einer Zusammenarbeit abgesehen.
Gehört, dass es schwierig sein soll.
Uns lieber herausgehalten.
Keine Veranlassung gesehen, etwas zu unternehmen.
Und wenn hundert Menschen unabhängig voneinander immer wieder dasselbe tun, kann das schließlich unmöglich eine Hexenjagd sein.
Denn niemand hat damit angefangen.
#NOW #N #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT #MARIECHENMARKT
