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NOW Kommentar: Der Weltfrieden passt nicht in einen lateinischen Spruch

Von KWS, Kunst und Kultur, Kommentare, 3.120 Views

#NOW #Kommentar: Der Weltfrieden passt nicht in einen lateinischen Spruch

#Gütersloh, 28. August 2026

»Si vis pacem, para bellum« – wer Frieden will, bereite den Krieg vor. #Miele Chef Reinhard Zinkann bemüht im #Interview mit der »Neuen Westfälischen« die alte römische Formel, um militärische Stärke und die Auszeichnung der #NATO mit dem Internationalen Preis des Westfälischen Friedens zu begründen. Das klingt schön entschlossen. Nur leider ist die Geschichte komplizierter.

Eine starke Verteidigung könne jeden potenziellen Aggressor abschrecken, sagt Zinkann. Der rechne schließlich Kosten und Nutzen eines Angriffs gegeneinander ab und lasse es dann meistens bleiben.

Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht besonders wahr.

Denn die #Geschichte liefert Beispiele für funktionierende Abschreckung ebenso zuverlässig wie für das #Gegenteil. #Aufrüstung kann einen Gegner abschrecken. Sie kann ihn aber auch beunruhigen, zur #Gegenrüstung bewegen, eine #Eskalationsspirale auslösen oder einem #Staat überhaupt erst die Möglichkeit geben, seine politischen Ziele militärisch durchzusetzen.

Das alte #Sicherheitsdilemma: Was für den einen #Verteidigung ist, sieht für den anderen wie #Bedrohung aus.

Ausgerechnet das Römische Reich als geistigen Kronzeugen einer Friedensordnung aufzurufen, hat dabei einen gewissen historischen Witz. #Rom war nicht gerade dafür bekannt, seine Nachbarn mit Gesprächskreisen und vertrauensbildenden Maßnahmen zu beglücken. Die »Pax Romana« war durchaus eine Form des Friedens – aber eben auch eine durch militärische Überlegenheit, Expansion und Unterwerfung hergestellte Ordnung.

Und nördlich des Limes?

Dort waren die Menschen offenbar ebenfalls ausreichend »para bellum«. Trotzdem kam es im Jahr 9 zur #Varuskatastrophe. Oder gerade deshalb? Rom war militärisch hochgerüstet, germanische Gruppen waren wehrhaft, Rom versuchte seinen Herrschaftsbereich auszudehnen, #Arminius (dessen Name nicht nachträglich latinisiert wurde) organisierte Widerstand – und am Ende waren 3 Legionen vernichtet.

Hat da zu wenig Abschreckung geherrscht?

Oder nehmen wir #Europa selbst. War es während des Hundertjährigen Krieges nicht genügend auf #Krieg vorbereitet? Im Dreißigjährigen Krieg? Während der jahrhundertelangen englisch französischen Auseinandersetzungen? Während der napoleonischen Kriege?

Das Problem war offenkundig nicht immer ein Mangel an #Soldaten, #Waffen und #Befestigungen.

Auch #Dybb��l 1864 eignet sich hervorragend als Anschauungsunterricht. Die Dänen hatten mit den Düppeler Schanzen eine eindrucksvolle Verteidigungsstellung geschaffen. Die preußische Reaktion lautete nicht: »Donnerwetter, die sind verteidigungsbereit, dann lassen wir das lieber.«

Man brachte schwere #Artillerie heran, schoss die Schanzen sturmreif und griff an.

Bismarcks hervorragend auf Krieg vorbereitetes #Preußen führte innerhalb weniger Jahre Krieg gegen #Dänemark, #Österreich und schließlich #Frankreich. Militärische Stärke war hier nicht nur Mittel zur Abschreckung. Sie war ein Instrument zur Veränderung der politischen Ordnung Europas.

Nach 1871 wiederum setzte derselbe Bismarck wesentlich stärker auf Diplomatie, Bündnisse und die Bewahrung des erreichten Status quo.

Vielleicht liegt die entscheidende Variable also gar nicht in der Zahl der Kanonen.

Wer miteinander spricht …

Noch eine hübsche Friedensweisheit liefert Zinkann. Der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing habe gesagt: »Wer miteinander spricht, schießt nicht aufeinander.«

Auch das klingt großartig.

Gesichert sagen lässt sich allerdings nur: Wer nicht aufeinander schießt, schießt nicht aufeinander.

Menschen, Staaten und Regierungschefs können hervorragend miteinander sprechen und anschließend trotzdem aufeinander schießen.

Neville Chamberlain sprach 1938 nicht irgendwie mittelbar mit Adolf Hitler. Er traf ihn persönlich und mehrfach. Es wurde verhandelt, gesprochen, vereinbart und unterschrieben. Wenige Monate nach dem Münchner Abkommen ließ Hitler die Rest #Tschechoslowakei besetzen, im September 1939 überfiel Deutschland #Polen.

Auch Deutschland und die #Sowjetunion sprachen miteinander. Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow unterzeichneten 1939 in Moskau den deutsch sowjetischen #Nichtangriffspakt. Stalin war persönlich an den Gesprächen beteiligt. Keine 2 Jahre später begann mit dem Unternehmen Barbarossa der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.

Gespräche verhindern keinen Krieg.

Entscheidend ist die Bereitschaft zum Interessenausgleich ohne Gewalt.

Man kann miteinander reden, um einen Kompromiss zu finden und Interessen auszugleichen. Man kann aber auch reden, um Forderungen zu übermitteln, Ultimaten zu stellen, Zeit zu gewinnen, den Gegner zu täuschen oder die eigene Position für einen ohnehin geplanten Krieg zu verbessern.

Nicht das Gespräch ist der Frieden.

Die Bereitschaft, auch dem anderen legitime Interessen zuzugestehen, ist seine Voraussetzung.

Nicht jeder Gegner ist Hitler

Der Zweite Weltkrieg liefert dabei gleichzeitig das stärkste Argument gegen einen naiven #Pazifismus.

Gott sei Dank wurde das nationalsozialistische Deutschland militärisch bekämpft und besiegt.

Mit Hitler war irgendwann kein Interessenausgleich mehr möglich, der diesen Namen verdient hätte. Hätte es ihm lediglich um eine Revision einzelner Ergebnisse des Ersten Weltkriegs gegangen, wäre ein verhandelbarer Endzustand zumindest denkbar gewesen. Doch spätestens mit der Zerschlagung der Rest Tschechoslowakei wurde deutlich, dass die jeweils letzte Vereinbarung eben nicht das Ende seiner Forderungen bedeutete.

Es folgten #Polen, #Westeuropa und #Nordeuropa und schließlich der rassistisch und kolonial gedachte #Vernichtungskrieg im Osten.

Einen solchen Gegner kann man nicht dadurch befrieden, dass man ihm immer wieder etwas anbietet.

Aber daraus folgt eine ebenso gefährliche historische Versuchung: Seit 1945 kann jeder neue Gegner zum neuen Hitler, jede Verhandlung zu München und jeder Kompromiss zum Appeasement erklärt werden.

Nur: Nicht jeder aggressive Staat ist das nationalsozialistische Deutschland von 1939. Nicht jeder autoritäre Herrscher ist Hitler. Und nicht jeder Interessenausgleich ist Appeasement.

Gerade der Kalte Krieg zeigt das.

#USA und Sowjetunion waren bis an die Zähne bewaffnet und schreckten einander zweifellos ab. Wenn man dieses Argument ernst nimmt, muss man es allerdings symmetrisch anwenden: Dann haben nicht nur amerikanische Atomwaffen die Sowjetunion abgeschreckt. Sowjetische Atomwaffen haben auch die USA abgeschreckt.

»Unsere Waffen sichern den Frieden, eure bedrohen ihn« ist keine Abschreckungstheorie. Es ist eine Freund Feind Erzählung.

Und wir wissen nicht einmal, ob die USA eine wesentlich schwächere Sowjetunion angegriffen hätten oder die Sowjetunion ein wesentlich schwächeres Amerika. Wahrscheinlich hatten beide Seiten ohnehin wenig Interesse an einem direkten Krieg, dessen Folgen selbst ohne Atomwaffen ungeheuer gewesen wären.

Die Abschreckung kam hinzu.

Und trotzdem wurde geschossen: in #Korea, #Vietnam, #Afghanistan und anderswo. Nur eben möglichst nicht unmittelbar zwischen den beiden Supermächten.

Der andere hat auch ein Interesse

Vielleicht eignet sich deshalb ein anderer lateinischer Zweizeiler besser zum Nachdenken über Frieden: Suum cuique.

Jedem das Seine.

Nicht in der grauenhaft pervertierten Bedeutung, die die Nationalsozialisten dem Satz am Tor des Konzentrationslagers #Buchenwald gaben. Und auch nicht unbedingt im paternalistischen Sinne von »Jedem das, was ihm zusteht«.

Denn wer entscheidet eigentlich, was einem anderen »zusteht«?

Man kann »suum cuique« viel elementarer lesen: Jeder hat das Seine.

Seine Perspektive. Seine Bedürfnisse. Seine Ansprüche. Seine Interessen.

Das bedeutet nicht, dass jedes Interesse legitim wäre. Hitlers Interesse an »Lebensraum im Osten« wurde nicht dadurch legitim, dass Hitler es nun einmal hatte.

Aber eine Friedensordnung beginnt damit, überhaupt anzuerkennen, dass auch die andere Seite ein eigenes Interesse besitzt.

Die USA haben Sicherheitsinteressen. Die Sowjetunion hatte Sicherheitsinteressen. Frankreich hat Interessen. Deutschland hat Interessen. Israel hat Interessen. Palästinenser haben Interessen.

Frieden besteht nicht darin, dass einer sein Interesse durchsetzt und der andere keines haben darf.

Er besteht theoretisch darin, eine Ordnung zu schaffen, in der unterschiedliche legitime Interessen nebeneinander bestehen und möglichst ausgeglichen werden können.

Dazu gehören Gespräche. Aber Gespräche allein reichen nicht.

Dazu kann militärische Abschreckung gehören. Aber Abschreckung allein reicht ebenfalls nicht.

Viel wirkungsvoller können auf Dauer gemeinsame wirtschaftliche Interessen sein. Wer mit dem anderen #handelt, #investiert, #produziert und #Wohlstand schafft, für den wird dessen Zerstörung zunehmend zur Zerstörung des eigenen Nutzens. Auch das garantiert freilich leider keinen Frieden – Europa war 1914 keineswegs wirtschaftlich vollständig voneinander isoliert – aber es verändert Interessen.

Vielleicht war genau das eine der klügsten Ideen der europäischen Nachkriegsordnung: Deutschland und Frankreich sollten sich nicht plötzlich lieben. Ihre Interessen sollten so eng miteinander verflochten werden, dass Zusammenarbeit vernünftiger wurde als der nächste Krieg. Beginnend mit der #Montanunion bis hin zur heutigen #EU.

Das ist weniger heroisch als Legionen, Schanzen und lateinische Militärweisheiten.

Aber vielleicht ist Frieden genau das: die vernünftige Einsicht, dass auch der andere etwas Eigenes hat, dass nicht alles mir gehören kann und dass ein ausgeglichenes Interesse auf Dauer mehr wert ist als ein gewonnener Krieg.

Wer Frieden will, muss deshalb vielleicht nicht zuerst den Krieg vorbereiten.

Er sollte einen Frieden vorbereiten, mit dem auch der andere leben kann. Und wer fürs Sprechen plädiert, sollte es auch tun, wenn er glaubwürdig sein will.

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