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Foto: Christian Schröter, CC BY SA

KWS History: Stadtgeschichte Gütersloh – die Schornsteine der Industrialisierung – das dampfende Herz der Fabriken

Von KWS, Karla-Wagner-Stiftung, KWS History, 6.948 Views

#KWS #History: #Stadtgeschichte #Gütersloh – die Schornsteine der Industrialisierung – das dampfende Herz der Fabriken

#Gütersloh, 22. Juli 2026

Wer historische Fotos der Gütersloher #Weberei, der #Margarinewerke, der #Wurstfabrik #Marten oder anderer #Industriebetriebe betrachtet, dem fallen sofort die hohen Schornsteine auf. Heute verbindet man sie meist mit #Rauch und #Umweltverschmutzung. Tatsächlich waren sie vor allem eines: Das sichtbare Zeichen der #Energieversorgung. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein arbeitete kaum eine größere #Fabrik ohne #Dampf.

Das #Kesselhaus – das eigentliche #Herz der Fabrik

Fast jede größere Fabrik verfügte über ein eigenes Kesselhaus. Dort standen gewaltige Dampfkessel aus genieteten Stahlblechen – oft mehrere Meter lang und mit einem Durchmesser von 2 bis 3 Metern. Manche erinnerten tatsächlich an einen liegenden #Eisenbahnwagen oder #Tankwagen. Unter dem Kessel befand sich die #Feuerung. Tag und Nacht wurde #Brennstoff nachgelegt. Das Wasser im Kessel erhitzte sich, bis es unter hohem Druck zu Dampf wurde.

Je nach Bauart herrschten Drücke von mehreren Bar. Der Dampf stand unter erheblicher Energie – weshalb Dampfkessel regelmäßig geprüft werden mussten. #Kesselexplosionen gehörten im 19. Jahrhundert zu den gefürchtetsten Industrieunfällen.

Womit wurde geheizt?

In #Westfalen war zunächst vor allem #Steinkohle der wichtigste #Brennstoff. Sie wurde mit der #Eisenbahn aus dem #Ruhrgebiet angeliefert. In vielen Betrieben verwendete man später auch #Koks.

Koks entsteht durch das Verkoken von Steinkohle und besitzt einige Vorteile: höhere #Energiedichte, sauberere #Verbrennung, weniger #Rauch, gleichmäßigere #Hitze. Je nach Betrieb kamen beide Brennstoffe parallel zum Einsatz.

Die Kohle wurde meist von Hand in die Feuerung geschaufelt. Größere Werke verfügten später über mechanische Beschickungsanlagen.

Warum waren die Schornsteine so hoch?

Der Schornstein war keineswegs nur ein #Rauchabzug. Er erfüllte gleich mehrere Aufgaben. Zum einen erzeugte er den sogenannten natürlichen #Zug. Die heiße #Luft im #Schornstein steigt auf und saugt dadurch ständig frische Verbrennungsluft durch den Kessel. Ohne diesen Kamineffekt hätte die Feuerung deutlich schlechter funktioniert. Zum anderen wurden #Rauch, #Ruß und #Schwefeldioxid möglichst hoch über die Dächer der Stadt abgeführt. Ein hoher Schornstein war also gewissermaßen Teil der technischen Anlage.

Der Dampf trieb die gesamte Fabrik an

Die meisten Menschen stellen sich eine #Dampfmaschine als #Lokomotive vor. In Wirklichkeit standen viele der größten Dampfmaschinen völlig unbeweglich in Fabriken. Der Dampf strömte in große Kolbenmaschinen. Diese bewegten ein mehrere Meter großes Schwungrad. Von dort aus liefen endlose Wellen und Lederriemen durch die Hallen. An diesen Transmissionen hingen sämtliche Maschinen. Eine einzige Dampfmaschine konnte hunderte #Webstühle, #Sägen, #Pressen oder andere #Maschinen gleichzeitig antreiben. Erst später erhielt jede Maschine ihren eigenen #Elektromotor. Interessant ist bei der Entstehung und Entwicklung der Dampfmaschine James Watts Erfindung des mechanischen Reglers, der Dampfmaschinen überhaupt erst nutzbar machte, und die Angabe der Leistung in PS (Pferdestärken), die als Marketingtool entstand. James Watt zeigte damit Bergwerksbetreibern, wieviele #Pferde sie mit einer seiner Dampfmaschinen ersetzen konnten.

Nicht nur Antrieb

Dampf wurde außerdem überall dort benötigt, wo Wärme gebraucht wurde. In Margarinewerken diente er beispielsweise zum #Schmelzen von #Fetten, #Erhitzen von #Ölen, #Reinigen der #Anlagen, #Erwärmen von #Wasser, #Beheizen der #Gebäude. Auch #Fleischereien und #Wurstfabriken benötigten große Mengen Dampf zum #Brühen, #Kochen, #Sterilisieren und #Reinigen. Die #Dampfversorgung war somit gleichzeitig #Kraftwerk, #Heizung und #Prozesswärmeerzeugung.

Auch kleinere Betriebe arbeiteten mit Dampf

Überraschend ist, dass selbst mittelständische Handwerksbetriebe teilweise über eigene Dampfkessel verfügten. Auf historischen Fotografien aus Gütersloh sieht man beispielsweise bei Installationsbetrieben mächtige liegende Dampfkessel, vor denen die Belegschaft stolz posiert. Solche Kessel dienten nicht unbedingt dem Antrieb großer Maschinen. Oft lieferten sie Prozesswärme oder erzeugten mechanische Energie für Werkstätten, in denen noch keine leistungsfähige Stromversorgung vorhanden war.

Gerade vor dem Ausbau öffentlicher Elektrizitätsnetze war ein eigener Dampfkessel häufig die einzige Möglichkeit, größere Maschinen zuverlässig zu betreiben.

Der Schornstein als Wahrzeichen

Heute prägen #Windkraftanlagen oder #Umspannwerke das Bild moderner Energieversorgung. Vor rund 100 Jahren waren es die Fabrikschornsteine. Sie standen nicht nur für Rauch, sondern für wirtschaftliche Kraft, technischen Fortschritt und industrielle Entwicklung. Wo ein hoher Schornstein rauchte, wurde produziert – oft Tag und Nacht.

Foto: Christian Schröter, CC BY SA

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